LKAB in Kiruna: Europas größtes Seltene-Erden-Vorkommen und der strategische Wendepunkt im Norden
LKAB identifiziert im Raum Kiruna Europas größtes Vorkommen Seltener Erden. In Kombination mit bestehender Eisenerzförderung entsteht ein integriertes Rohstoffsystem mit strategischer Bedeutung für Europas Industrie, Versorgungssicherheit und Wertschöpfungsketten.
Ein Teil unserer Redaktion war seit 1989 mehr als dreißig Mal im Raum Kiruna – journalistisch, geologisch, operativ. Unter Tage, im Erz, im Winter wie im Sommer. Für uns ist dieser Norden kein abstrakter Rohstoffraum, sondern ein zweites geistiges Zuhause. Wer die Entwicklung dort über Jahrzehnte verfolgt hat, erkennt: Die aktuelle Entdeckung von LKAB ist kein isoliertes Ereignis. Sie ist die logische Fortsetzung eines industriellen Systems, das sich konsequent weiterentwickelt.

Mit dem Vorkommen Per Geijer meldet LKAB erstmals nach internationalem Standard (PERC 2021) Ressourcen von über einer Million Tonnen Seltene-Erden-Oxide. Es handelt sich um das größte bekannte Vorkommen dieser Art in Europa. Die Dimension allein ist bemerkenswert. Entscheidend ist jedoch die geologische Einbettung: Seltene Erden treten hier nicht als primäre Lagerstätte auf, sondern gebunden an Apatit innerhalb eines bestehenden Eisenerzsystems.
Geologie als industrieller Vorteil
Diese Konstellation verändert die ökonomische Gleichung grundlegend. Während klassische Seltene-Erden-Projekte häufig isolierte, komplexe und kostenintensive Vorhaben sind, entsteht in Kiruna ein integriertes System. Die Metalle fallen als Nebenprodukt einer bestehenden Förderung an – mit vorhandener Infrastruktur, eingespielten Prozessen und einer jahrzehntelang entwickelten Betriebskultur.
Per Geijer – mit dem Potenzial, Europas wichtigste Mine für kritische Rohstoffe zu werden

„Dies ist eine gute Nachricht – nicht nur für LKAB, die Region und die schwedische Bevölkerung, sondern auch für Europa und das Klima. Es handelt sich um das größte bekannte Vorkommen Seltener Erden in unserem Teil der Welt, und es könnte zu einem bedeutenden Baustein für die Produktion jener kritischen Rohstoffe werden, die für die Energiewende absolut entscheidend sind. Wir stehen vor einem Versorgungsproblem. Ohne Bergbau gibt es keine Elektrofahrzeuge“, sagt Jan Moström, Präsident und CEO von LKAB.
Per Geijer erweitert dabei nicht nur das Rohstoffportfolio, sondern auch die Perspektive auf die gesamte Lagerstätte. Die bekannten Ressourcen im Kiruna-Gebiet steigen weiter an, gleichzeitig zeigen die Daten erhöhte Phosphorgehalte – ein Rohstoff, der für die europäische Landwirtschaft strategisch ebenso relevant ist wie Seltene Erden für die Industrie.
Seltene Erden: Engpass der Transformation
Der Zeitpunkt dieser Entwicklung ist kein Zufall. Europa verfügt derzeit über keine eigene Förderung Seltener Erden. Gleichzeitig steigt die Nachfrage exponentiell – getrieben durch Elektromobilität, Windkraft und industrielle Elektrifizierung. Die Europäische Kommission erwartet eine Vervielfachung des Bedarfs bis 2030.
Heute dominiert China nicht nur die Förderung, sondern vor allem die Weiterverarbeitung. Diese Abhängigkeit ist für die europäische Industrie ein strukturelles Risiko. Genau hier setzt Kiruna an. Die Kombination aus Lagerstätte, Infrastruktur und politischer Unterstützung schafft erstmals die Möglichkeit, eine europäische Wertschöpfungskette aufzubauen.
„Elektrifizierung, die Eigenständigkeit der EU und die Unabhängigkeit von Russland und China beginnen in der Mine. Wir müssen industrielle Wertschöpfungsketten in Europa stärken und echte Voraussetzungen für die Elektrifizierung unserer Gesellschaft schaffen. Die Politik muss der Industrie die Rahmenbedingungen geben, um auf grüne und fossilfreie Produktion umzustellen. Hier hat die schwedische Bergbauindustrie viel zu bieten. Der Bedarf an Rohstoffen zur Umsetzung der Transformation ist enorm“, sagt Ebba Busch, Ministerin für Energie, Wirtschaft und Industrie.
Die Bedeutung dieses Schritts kann kaum überschätzt werden. Ohne gesicherte Versorgung mit kritischen Rohstoffen bleibt jede Strategie zur Dekarbonisierung und Industrialisierung fragmentarisch.
Politik als Enabler – nicht als Bremse
In diesem Kontext verdient die Rolle der schwedischen Regierung besondere Beachtung. Ebba Busch hat früh klar formuliert, was in weiten Teilen Europas noch immer politisch vermieden wird: Die Energiewende beginnt im Bergbau. Ohne Zugang zu Rohstoffen gibt es keine industrielle Transformation.

Diese Klarheit ist kein rhetorisches Detail, sondern ein Standortfaktor. Projekte dieser Größenordnung erfordern Planungssicherheit über Jahrzehnte. Genehmigungsverfahren, Infrastrukturentscheidungen und Investitionsrahmen müssen darauf abgestimmt sein. Schweden zeigt hier eine Konsistenz, die im europäischen Vergleich herausragt.
Für die Branche ist das ein Signal. Politik kann beschleunigen – oder blockieren. In Kiruna wirkt sie als Ermöglicher.
Vom Erz zur Wertschöpfung
Parallel zur Exploration treibt LKAB die industrielle Umsetzung voran. Mit dem ReeMAP-Projekt entsteht ein Konzept, das über klassische Rohstoffförderung hinausgeht. Ziel ist es, Phosphor, Seltene Erden und Fluor aus bestehenden Materialströmen zu extrahieren und in neue Produkte zu überführen.
„LKAB plant bereits einen zirkulären Industriepark in Luleå mit neuer Technologie zur Gewinnung und Verarbeitung von Phosphor, Seltenen Erden und Fluor auf Basis der heutigen Bergbauproduktion. Anstatt das Material zu deponieren, kann es dort genutzt werden, um neue, nachhaltige Produkte zu schaffen. Ein Produktionsstart ist für 2027 geplant“, sagt Leif Boström, Senior Vice President, Business Area Special Products, LKAB.
Der geplante industrielle Park in Luleå ist dabei kein Add-on, sondern integraler Bestandteil der Strategie. Hier soll aus Nebenprodukten eine eigenständige Wertschöpfung entstehen. In Kombination mit Partnern wie REEtec wird zudem die kritische Phase der Trennung und Verarbeitung adressiert – jener Bereich, in dem Europa bislang besonders abhängig ist.
Damit verschiebt sich der Fokus von der reinen Förderung zur vollständigen Prozesskette. Für Investoren und industrielle Abnehmer ist das entscheidend. Rohstoffsicherheit entsteht nicht im Erz, sondern in der Verarbeitung.
Der Begriff „Mining supply chain“ erreicht im Fall von LKAB eine außergewöhnliche Tiefe: Von der Förderung über die Aufbereitung bis zur geplanten Weiterverarbeitung kritischer Rohstoffe entsteht ein nahezu durchgängiges industrielles System – eine Integration, die in der westlichen Hemisphäre nur selten erreicht wird.

Realität der Umsetzung
Trotz aller strategischen Bedeutung bleibt der Weg zur Produktion lang. Genehmigungen, Umweltprüfungen und technische Analysen werden Jahre in Anspruch nehmen. Selbst unter optimalen Bedingungen ist ein Zeithorizont von zehn bis fünfzehn Jahren realistisch.
„Wir investieren bereits erheblich, um voranzukommen, und erwarten, dass es mehrere Jahre dauern wird, die Lagerstätte und die Voraussetzungen für einen wirtschaftlich und nachhaltig tragfähigen Abbau vollständig zu untersuchen. Wir sind uns der Herausforderungen im Zusammenhang mit Landnutzung und Auswirkungen bewusst, die mit der Entwicklung einer Mine verbunden sind, und diese müssen analysiert werden, um zu klären, wie sie vermieden, minimiert und kompensiert werden können. Erst dann können wir einen Antrag auf Umweltprüfung stellen und eine Genehmigung beantragen“, sagt Jan Moström.
„Wenn wir uns ansehen, wie Genehmigungsverfahren in unserer Branche bisher verlaufen sind, wird es mindestens zehn bis fünfzehn Jahre dauern, bis wir tatsächlich mit dem Abbau beginnen und Rohstoffe an den Markt liefern können. Und das betrifft Kiruna, wo LKAB seit mehr als 130 Jahren Erz fördert. Der Fokus der Europäischen Kommission auf dieses Thema – die Sicherung des Zugangs zu kritischen Rohstoffen – sowie der derzeit erarbeitete Critical Raw Materials Act sind entscheidend. Wir müssen die Genehmigungsprozesse ändern, um den Abbau dieser Rohstoffe in Europa zu erhöhen. Der Zugang ist heute ein zentraler Risikofaktor für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie und die Energiewende“, sagt Jan Moström.
Diese Zeitachse ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck der Komplexität. Großprojekte im Bergbau sind langfristige Systeme. Wer kurzfristige Ergebnisse erwartet, unterschätzt die Realität des Sektors.
Für die europäische Politik ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Wenn Versorgungssicherheit ernst genommen wird, müssen Prozesse beschleunigt werden, ohne ihre Qualität zu verlieren. Der Critical Raw Materials Act ist ein Schritt in diese Richtung – seine Umsetzung wird entscheidend sein.
Ein industrieller Referenzpunkt
Kiruna steht heute für mehr als ein neues Vorkommen. Es ist ein Referenzpunkt für die Zukunft des europäischen Bergbaus. Die Kombination aus geologischer Qualität, industrieller Erfahrung und politischer Unterstützung schafft ein Modell, das über den Standort hinaus Wirkung entfalten kann.
Für die Fachwelt ist das keine Überraschung. LKAB gehört seit Jahrzehnten zu den technologisch führenden Unternehmen der Branche. Die konsequente Weiterentwicklung – von der Eisenerzproduktion über wasserstoffbasierte Prozesse bis hin zur Integration kritischer Rohstoffe – zeigt eine strategische Tiefe, die selten geworden ist.
Für uns, die diesen Raum über Jahrzehnte begleitet haben, ist die aktuelle Entwicklung vor allem eines: folgerichtig.

The Lord Of The Rocks
Fachwissen aus erster Hand. Ohne Lärm. Ohne Floskeln.
Explore
Related posts.




