Liebherr realisiert Trolley-System in Collahuasi: Elektrifizierung unter Extrembedingungen
Mit einem vollständig integrierten Trolley-System bei der Collahuasi-Kupfermine in Chile bringt Liebherr elektrische Unterstützung für Ultra-Class-Muldenkipper unter extremen Einsatzbedingungen in den produktiven Betrieb – ein wichtiger Schritt zur Effizienzsteigerung und Emissionsreduktion im Tagebau.
Die Elektrifizierung schwerer Transportprozesse im Tagebau gilt als einer der entscheidenden Hebel zur Effizienzsteigerung und Emissionsreduktion. Während batterieelektrische Lösungen in großskaligen Anwendungen weiterhin an Grenzen stoßen, gewinnt eine etablierte Technologie erneut an Bedeutung: der Trolleybetrieb. Mit der Inbetriebnahme eines vollständig integrierten Trolley-Systems in der Kupfermine Collahuasi in Nordchile setzt Liebherr nun einen neuen Referenzpunkt – nicht im Labor, sondern unter extremen realen Einsatzbedingungen.
Die Anlage, betrieben von der Compañía Minera Doña Inés de Collahuasi – einem Joint Venture von Anglo American, Glencore und japanischen Partnern – liegt in der Region Tarapacá auf rund 4.500 Metern Höhe. Damit gehört sie zu den anspruchsvollsten Tagebaustandorten weltweit. Geringer Luftdruck, starke Winde und seismische Aktivität definieren hier die Rahmenbedingungen für jede technische Lösung.
Ein System, nicht nur eine Technologie
Im Zentrum des Projekts steht ein vollständig integriertes Trolley-System, das von Liebherr aus einer Hand realisiert wurde. Es umfasst sowohl die Infrastruktur als auch die fahrzeugseitige Integration. Vier Großmuldenkipper des Typs T 284 – mit einer Nutzlastklasse von rund 360 Tonnen – wurden mit Stromabnehmern (Pantographen) ausgestattet und in das System eingebunden.
Die etwa einen Kilometer lange Oberleitung versorgt die Fahrzeuge während der Fahrt mit elektrischer Energie. Unter Last, insbesondere auf Steigungsstrecken, können die Trucks dadurch einen erheblichen Teil ihres Energiebedarfs aus dem Netz decken, anstatt auf dieselbasierte Antriebe zurückzugreifen. In der Praxis bedeutet das eine deutliche Reduktion des Kraftstoffverbrauchs sowie eine Entlastung der Antriebssysteme.
Entscheidend ist dabei nicht die Einzelkomponente, sondern die Abstimmung des Gesamtsystems. Stromversorgung, Fahrzeugintegration, Streckendesign und Betriebsabläufe müssen exakt aufeinander abgestimmt sein, um einen stabilen und wirtschaftlichen Betrieb zu gewährleisten.
Technische Auslegung unter extremen Bedingungen
Die Besonderheit des Collahuasi-Projekts liegt in den Umgebungsbedingungen. Auf 4.500 Metern Höhe verändern sich nicht nur die physikalischen Eigenschaften der Luft, sondern auch die Belastungen für mechanische und elektrische Systeme. Gleichzeitig wirken hohe Windlasten auf die Oberleitung, während die seismische Aktivität zusätzliche Anforderungen an die strukturelle Auslegung stellt.
Die Trolley-Infrastruktur wurde entsprechend angepasst. Maststrukturen, Abspannsysteme und die gesamte Kettenwerkskonstruktion sind darauf ausgelegt, sowohl dynamische Belastungen als auch langfristige Materialermüdung unter diesen Bedingungen zu beherrschen. Die Energieversorgung erfolgt über zwei Transformatoren mit jeweils 5,5 Megawatt Leistung, die den gleichzeitigen Betrieb mehrerer Fahrzeuge ermöglichen.
Globale Wertschöpfung, lokale Integration
Die Umsetzung des Projekts zeigt exemplarisch, wie komplex moderne Bergbauinfrastruktur heute organisiert ist. Während die Planung und Integration maßgeblich von Liebherr gesteuert wurden, stammen zentrale Komponenten aus verschiedenen Regionen der Welt.
Die Auslegung der Masten und der Oberleitung erfolgte in Chile, Transformatoren und Schaltanlagen wurden in Südafrika gefertigt, während weitere Komponenten wie Kontaktleitungen und mechanische Baugruppen aus dem globalen Liefernetzwerk bezogen wurden. Die finale Integration vor Ort lag in der Verantwortung von Liebherr Chile, unterstützt durch internationale Engineering-Teams.
Parallel dazu war der Betreiber für die zivilen Bauarbeiten verantwortlich – insbesondere für die Vorbereitung der Fahrwege und die bauliche Integration der Infrastruktur. Diese Aufgabenteilung ist typisch für Projekte dieser Größenordnung, erfordert jedoch eine präzise Abstimmung zwischen allen Beteiligten.
Nachrüstung als Schlüssel zur Umsetzung
Ein wesentlicher Aspekt des Projekts ist die Integration der Trolley-Technologie in bestehende Fahrzeuge. Die vier eingesetzten T 284 wurden nicht als Neumaschinen geliefert, sondern nachträglich für den Trolleybetrieb vorbereitet.
Der Retrofit erfolgte in mehreren Stufen, um die Verfügbarkeit der Flotte nicht zu beeinträchtigen. Zunächst wurden strukturelle Anpassungen vorgenommen, um die Fahrzeuge für die Aufnahme der Stromabnehmer vorzubereiten. In einer späteren Phase erfolgte die Installation der Pantographen sowie die Integration in das elektrische System.
Dieser Ansatz zeigt, dass Elektrifizierung im Bergbau nicht zwangsläufig an den Austausch ganzer Flotten gebunden ist. Bestehende Maschinen lassen sich – mit entsprechendem Aufwand – in neue Betriebskonzepte integrieren.
Betrieb und Effizienz: messbare Effekte
Für Betreiber wie Collahuasi liegt der Nutzen des Systems in mehreren Bereichen. Der Einsatz von elektrischer Energie reduziert den Dieselverbrauch signifikant, insbesondere auf Steigungsstrecken, die im Tagebau einen Großteil des Energiebedarfs ausmachen. Gleichzeitig sinken Wartungsaufwand und Verschleiß an zentralen Antriebskomponenten.
Darüber hinaus wirkt sich die Elektrifizierung direkt auf die Betriebskosten aus, insbesondere in Regionen, in denen Strom aus erneuerbaren Quellen verfügbar ist. Chile verfügt in dieser Hinsicht über günstige Voraussetzungen, was die wirtschaftliche Attraktivität solcher Systeme zusätzlich erhöht.
Einordnung: Trolley als Brückentechnologie
Die Diskussion um emissionsarme Bergbautechnologien wird häufig von batterieelektrischen Konzepten dominiert. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese Lösungen in der Ultra-Class derzeit nur begrenzt skalierbar sind. Trolley-Systeme schließen genau diese Lücke.
Sie ermöglichen eine partielle Elektrifizierung bestehender Flotten, ohne die Reichweiten- und Ladeproblematik batteriebasierter Systeme vollständig lösen zu müssen. Gleichzeitig lassen sie sich schrittweise ausbauen und an bestehende Infrastruktur anpassen.
Stimmen aus der Umsetzung: Systemintegration und Erfahrungstransfer
Für Liebherr ist das Projekt in Collahuasi nicht nur ein technologischer Meilenstein, sondern das Ergebnis konsequent aufgebauter Systemkompetenz. Oliver Weiss, Executive Vice President R&D, Engineering and Production bei Liebherr-Mining Equipment SAS, verweist auf die Kombination aus Erfahrung und integrierter Entwicklungstiefe: Die Umsetzung eines vollständigen Trolley-Systems sei kein isoliertes Engineering-Projekt, sondern das Zusammenführen jahrzehntelanger Expertise aus Fahrzeugentwicklung, Energieintegration und Systembetrieb. Frühere Projekte mit Trolley-Trucks in Panama, Sambia und Europa hätten die Grundlage geschaffen, doch erst die enge Verzahnung aller Komponenten – von der Infrastruktur bis zur Maschinensteuerung – ermögliche ein Ergebnis wie in Collahuasi. Entscheidend sei dabei nicht nur die Technologie selbst, sondern die Fähigkeit, sie unter realen Einsatzbedingungen stabil und reproduzierbar zu betreiben.
Lokale Umsetzung und Betreiberkompetenz: Training als Schlüssel zur Produktivität
Auf operativer Ebene zeigt das Projekt, wie entscheidend die lokale Umsetzung für den Erfolg solcher Systeme ist. Gonzalo Garcia, Managing Director Mining bei Liebherr Chile, hebt insbesondere die Rolle der internationalen Lieferkette und der lokalen Integration hervor: Komponenten wurden weltweit beschafft, jedoch vor Ort unter anspruchsvollsten Bedingungen zusammengeführt und in Betrieb genommen. Parallel dazu lag ein zentraler Fokus auf der Qualifizierung der Betreiber. Die Einführung des Trolley-Systems wurde von umfangreichen Trainingsprogrammen begleitet, in denen Fahrer und Wartungspersonal gezielt auf den Umgang mit elektrifizierten Fahrzyklen, Pantographenbetrieb und Systemdiagnostik vorbereitet wurden. Ziel ist es, die Technologie nicht nur zu implementieren, sondern ihr volles Potenzial im täglichen Betrieb auszuschöpfen – ein Aspekt, der in der Praxis häufig über den wirtschaftlichen Erfolg entscheidet.
Fazit: Integration entscheidet über den Erfolg
Mit der Inbetriebnahme des Trolley-Systems in Collahuasi wird deutlich, dass die Technologie selbst nicht das eigentliche Hindernis ist. Entscheidend ist ihre Integration in bestehende Betriebsabläufe, Infrastruktur und Flottenstrukturen.
Liebherr hat mit diesem Projekt gezeigt, dass sich ein vollständig integriertes System unter realen Bedingungen umsetzen lässt – in einer Umgebung, die zu den anspruchsvollsten weltweit zählt. Für die Branche entsteht damit ein belastbarer Referenzpunkt, an dem sich zukünftige Elektrifizierungsprojekte messen lassen.

The Lord Of The Rocks
Fachwissen aus erster Hand. Ohne Lärm. Ohne Floskeln.
Explore
Related posts.




