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Exploration

Tutanchamun in Köln – Archäologie als Rohstoff

Eine immersive Ausstellung in Köln zeigt, dass Wertschöpfung nicht nur unter Tage beginnt. Wissenschaftliche Präzision, handwerkliche Exzellenz und kulturelle Substanz machen Tutanchamun zu einem geistigen Rohstoff mit bleibender Wirkung.

7 Minuten

Wer in der Rohstoffbranche arbeitet, weiß: Unter der Erdoberfläche verbirgt sich Wertvolles. Nicht alles glänzt sofort, nicht alles liegt offen zutage. Man muss suchen, freilegen, freiräumen, mit Geduld und Respekt. Und manchmal ist es kein Erz, kein seltenes Metall, kein geologisches Profil, das geborgen wird – sondern kulturelles Kapital. Geistig-ästhetischer Rohstoff, der ebenso abgebaut, gesichert und weitergegeben werden muss.

Genau in diesem Sinne ist die immersive Ausstellung „TUTANCHAMUN: Ein Immersives Abenteuer“ in Köln zu verstehen.

Für eine Leserschaft, die an Exploration, Präzision und Substanz interessiert ist, ist diese Ausstellung mehr als ein Event. Sie ist eine Erinnerung daran, dass die spektakulärsten Funde der Menschheitsgeschichte nicht aus dem Nichts entstehen, sondern aus Beharrlichkeit. Als Howard Carter 1922 das Grab des jungen Pharaos öffnete, war das Ergebnis jahrelanger Arbeit – finanziert, begleitet, riskiert. Die Worte „I see wonderful things“ sind bis heute ikonisch, aber sie stehen am Ende eines langen Prozesses, nicht am Anfang.

Die Kölner Ausstellung nimmt diesen Prozess ernst. Kuratiert von Dr. Wolfgang Wettengel, wird die Geschichte Tutanchamuns nicht als Mythos vermarktet, sondern als historisches Gefüge dargestellt. Der junge Herrscher der 18. Dynastie, der mit neun Jahren den Thron bestieg, in einem religiös destabilisierten Reich regierte und nach nur neun Jahren starb – all das wird kontextualisiert. Auch die jüngeren medizinischen Erkenntnisse zu möglichen Erkrankungen und zur offenen Knieverletzung finden ihren Platz, ohne Sensationsrhetorik.

Doch die zweite, vielleicht entscheidendere Säule dieser Ausstellung liegt in der materiellen Rekonstruktion. Sämtliche Artefakte wurden vom Team um Mostafa El-Ezaby gefertigt – einem Professor, der sich seit Jahrzehnten mit den geometrischen und handwerklichen Prinzipien altägyptischer Skulptur auseinandersetzt. Seine Dissertation wie auch seine Promotion widmeten sich der strukturellen Logik pharaonischer Bildhauerei. Reproduktion bedeutet hier nicht Kopie, sondern Rekonstruktion – mit Verständnis für Proportion, Oberflächenbehandlung und Materialwirkung.

Was glänzt, ist tatsächlich 24-karätiges Gold – zumindest an der Oberfläche. Diese Entscheidung ist keine bloße Inszenierung, sondern Ausdruck eines Respekts vor dem Original. Für Laien sind die Repliken kaum von den Originalen zu unterscheiden. Und selbst für Fachkundige wird deutlich, mit welcher Präzision gearbeitet wurde. Wer täglich mit Materialwerten, Oberflächenqualitäten und Fertigungstiefe zu tun hat, erkennt hier schnell: Das ist kein dekorativer Abguss, sondern ein ernstzunehmendes handwerkliches Projekt.

Gerade weil keine kugelsicheren Glasscheiben die Sicht versperren, entsteht eine ungewöhnliche Nähe. Details werden sichtbar: Gravuren, Kanten, Übergänge. Für Fotografen – und für alle, die genau hinschauen – ist das ein Privileg. In klassischen Museumssituationen bleibt vieles hinter Spiegelungen verborgen. Hier dagegen darf das Auge arbeiten.

Die immersive Komponente der Ausstellung – 360°-Projektionen, Soundlandschaften, filmische Sequenzen – ist nicht Selbstzweck. Sie schafft Kontext. Die Reise beginnt symbolisch im Old Cataract Hotel in Assuan, führt entlang des Nils ins Tal der Könige und schließlich in die Grabkammer selbst. Moderne Technik wird eingesetzt, um historische Tiefe zu erzeugen – nicht, um sie zu überdecken. Dass der Soundtrack vom Emmy-prämierten Kollektiv Bleeding Fingers komponiert wurde, ist dabei eher Qualitätsmerkmal als Marketinggag.

Bemerkenswert ist auch die Verlängerung der Ausstellung bis zum 12. April – ein Indikator für anhaltendes Interesse. Mehr als 50.000 verkaufte Tickets sprechen für sich. Doch Quantität allein wäre kein Qualitätsbeweis. Entscheidend ist die inhaltliche Substanz.

Und hier lohnt sich ein Wort der Vorsicht: Wer seine Entscheidung ausschließlich auf flüchtige Online-Bewertungen stützt, könnte sich täuschen lassen. Nicht jede Rezension misst eine Ausstellung an wissenschaftlicher Tiefe oder handwerklicher Präzision. Manche erwarten Unterhaltung im Stil eines Freizeitparks. Wer jedoch bereit ist, sich einzulassen – Texte zu lesen, Details zu studieren, Zusammenhänge zu verstehen –, wird feststellen, dass diese Ausstellung weit über reine Projektion hinausgeht.

Für die Abbaubranche ist das vielleicht die interessanteste Parallele: Wert entsteht nicht durch Oberfläche allein. Er entsteht durch Kontext, durch Kenntnis, durch Geduld. Tutanchamuns Grab war ein geologischer wie kultureller Fund – verborgen unter Schichten von Gestein und Geschichte. Seine Freilegung war eine Pionierleistung.

Die Kölner Ausstellung überträgt diesen Gedanken in die Gegenwart. Sie macht sichtbar, was einst unter der Erde lag – und erinnert daran, dass Exploration immer mehr bedeutet als reine Gewinnung. Sie ist Suche nach Bedeutung.

Am Ende verlässt man die Räume nicht mit dem Eindruck, ein Spektakel konsumiert zu haben, sondern mit dem Gefühl, einem historischen Rohstoff nähergekommen zu sein. Gold, ja. Aber auch Wissen. Und beides verlangt Sorgfalt im Umgang.

Author
Leonor Ferreira
Senior writer
February 21, 2026

The Lord Of The Rocks

Fachwissen aus erster Hand. Ohne Lärm. Ohne Floskeln.

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