Rezension: Wer wir waren von Guido Barbujani
Die meisten Menschen kennen ihre Großeltern, vielleicht noch ihre Urgroßeltern. Jenseits davon wird Herkunft unscharf. Selbst aufwendig rekonstruierte Stammbäume enden meist im Hochmittelalter. Wer wir waren setzt genau dort an, wo persönliche Erinnerung und klassische Genealogie versagen – und führt sie mit wissenschaftlicher Präzision über Millionen von Jahren hinweg weiter.
Guido Barbujani, Populationsgenetiker und Evolutionsbiologe, unternimmt in diesem Buch keinen Überblick über Evolution im Allgemeinen. Er verfolgt einen deutlich anspruchsvolleren Ansatz: Er zieht – ähnlich einem Genealogen – eine Linie durch die Zeit und macht unsere entferntesten Vorfahren als Individuen begreifbar. Nicht abstrakt, nicht numerisch, sondern körperlich, räumlich und materiell verankert.
Drei Millionen Jahre in fünfzehn Porträts
Das Buch ist in 15 Porträts gegliedert, die jeweils mit einer sorgfältig erarbeiteten Rekonstruktion beginnen. Diese Gesichter sind kein illustratives Beiwerk, sondern Teil der Argumentation. Sie zeigen frühe Hominini als Menschen ihrer Zeit: mit Ausdruck, Präsenz und erkennbarer Individualität. Der Blick auf Homo erectus, die kleinwüchsigen Hominiden von Flores oder einen Neandertaler bei der Jagd erzeugt keine museale Distanz, sondern Nähe.

Barbujani erzählt die Geschichte dieser Menschen auf der Grundlage von Fossilien, Werkzeugfunden, Siedlungsspuren und genetischen Analysen. Er verbindet archäologische Details mit dem, was sich aus moderner Populationsgenetik belastbar ableiten lässt. Anekdoten – etwa über die Verletzungen von Lucy, dem berühmten Australopithecus-Fund – beruhen auf überprüfbaren Befunden und dienen nicht der Dramatisierung, sondern der Veranschaulichung.
Herkunft als materielle Geschichte
Besonders überzeugend ist, wie konsequent Barbujani Herkunft räumlich denkt. Migration erscheint nicht als heroische Wanderung, sondern als Folge von Eiszeiten, Dürrephasen, Vegetationszonen, Meeresspiegelschwankungen und Gebirgspässen. Menschen bewegen sich entlang von Wasser, folgen Temperaturgrenzen und nutzbaren Landschaften. Wer mit Geologie, Erdgeschichte oder Landschaftsentwicklung vertraut ist, erkennt hier eine vertraute Logik wieder: Topografie schreibt Geschichte.
In diesem Sinne ist Wer wir waren mehr als eine evolutionsbiologische Darstellung. Es ist eine Materialgeschichte des Menschen. Die Verteilung unserer Gene lässt sich lesen wie eine indirekte Karte ehemaliger Klimazonen und Wanderkorridore. Anthropologie wird hier zur Fortsetzung geologischer Prozesse mit anderen Mitteln.

Genetik ohne Vereinfachung
Ein zentraler Gedanke des Buches betrifft die genetische Durchmischung früher Menschengruppen. Barbujani zeigt, dass unsere heutige DNA nicht das Ergebnis einer einzigen, linearen Entwicklung ist, sondern Spuren zahlreicher Populationen trägt – von frühen Homininen bis zu späteren Linien wie den Neandertalern. Diese Erkenntnis wird nicht zugespitzt oder politisch aufgeladen, sondern ruhig und präzise eingeordnet. Der Autor erklärt, statt zu belehren, und vermeidet jede ideologische Verkürzung.
Wissenschaftlich, ruhig, überzeugend
Barbujanis Ton bleibt durchgehend nüchtern, respektvoll und klar. Er ordnet ein, ohne zu vereinfachen, und macht Komplexität zugänglich, ohne sie zu verwässern. Das Buch ist hochwertig ausgestattet, ergänzt durch Einleitung, Glossar sowie umfangreiche Literatur- und Bildnachweise, und wurde zu Recht als Wissensbuch des Jahres nominiert.
Warum dieses Buch überzeugt
Wer wir waren zeigt, dass die Geschichte des Menschen untrennbar mit der Geschichte der Erde verbunden ist. Anpassung folgt Klima. Bewegung folgt Landschaft. Entwicklung folgt Materialität.
Für Leserinnen und Leser, die sich beruflich oder intellektuell mit Rohstoffen, Erdgeschichte, Sedimenten und tektonischen Räumen beschäftigen, eröffnet dieses Buch einen erweiterten Blick: Es ergänzt die Erdgeschichte um die Perspektive jener Spezies, die spät in ihr erscheint – und beginnt, sie zu verändern.
Kein spekulatives Erzählen. Keine Vereinfachung.
Sondern ein präzises, menschliches und zugleich tief materielles Buch.
Eine klare, uneingeschränkte Empfehlung.

The Lord Of The Rocks
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