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Exploration

Sternvermessung, Dreikörperproblem, Präzision – Helsinkis Observatorium bei Nacht

Ein nächtlicher Spaziergang zur historischen Universitätssternwarte Helsinki führt durch Verteidigungsgeschichte, frühe Präzisionsastronomie und das internationale Projekt Carte du Ciel. Die dort vermessenen 159.000 Sterne dienten noch im 21. Jahrhundert der Kalibrierung moderner Weltraummissionen – und 1912 wurde hier das Dreikörperproblem mathematisch gelöst.

7 Minuten

In den kommenden Wochen werden wir ausführlich über Finnlands strategische Pläne zum Abbau Seltener Erden berichten. Die Gelegenheit eines Aufenthalts in Helsinki nutzten wir für einen nächtlichen Aufstieg zur historischen Universitätssternwarte – einem Ort, an dem Präzision und Weitblick seit fast zwei Jahrhunderten zusammenfinden.

Es ist kurz nach Mitternacht, als der Wind vom Südhafen heraufzieht. Der Weg windet sich durch dunkle Baumgruppen, vorbei an Terrassen aus Granit, die sich wie ein Amphitheater über die Stadt legen. Wer heute auf den Tähtitorninvuori steigt – den Sternwartenhügel im Süden Helsinkis – betritt keinen bloßen Park. Er bewegt sich durch ein Stück europäischer Wissenschaftsgeschichte.

Der Hügel selbst war lange vor der Astronomie ein strategischer Ort. In früheren Jahrhunderten brannten hier Signalfeuer entlang einer Küstenlinie, die als Warnsystem diente. Später wurde der Felsrücken Teil der von Augustin Ehrensvärd entworfenen Verteidigungsanlagen, zu denen auch die Seefestung Sveaborg (Suomenlinna) gehörte. Eine kleine Festung – Ulrikasborg – stand hier bis in die Wirren des frühen 19. Jahrhunderts, ehe sie abgetragen wurde und ihre Steine beim Wiederaufbau Helsinkis nach dem großen Brand von 1808 Verwendung fanden.

Als Finnland unter russischer Herrschaft seine Hauptstadt von Turku nach Helsinki verlegte und nach dem verheerenden Brand von Turku 1827 auch die Universität umzog, war der Hügel frei – und ideal. Der Astronom Friedrich Wilhelm Argelander erkannte die strategische Lage: freie Sicht nach Süden, ein klarer Horizont über dem Meer, geeignet für präzise Sterntransite zur Zeitbestimmung. In einer Epoche, in der maritime Navigation von exakten Chronometern abhing, war das kein Nebenaspekt, sondern infrastrukturelle Notwendigkeit.

Das Observatorium wurde 1834 nach Plänen von Carl Ludvig Engel vollendet – demselben Architekten, der das klassizistische Helsinki prägte. Gemeinsam mit Argelander schuf er kein repräsentatives Bauwerk, sondern ein Forschungsinstrument aus Stein. Zur Zeit seiner Fertigstellung galt es als modernste Anlage Europas und wurde zum Vorbild für weitere Observatorien.

Argelanders Arbeit machte Helsinki früh zu einer ernstzunehmenden Adresse in der Positionsastronomie. Seine systematischen Methoden zur Vermessung von Sternpositionen und veränderlichen Sternen bildeten die Grundlage für die später berühmt gewordene Bonner Durchmusterung. Präzision war hier kein rhetorisches Versprechen, sondern eine mathematische Disziplin.

Doch der vielleicht eindrucksvollste Beleg dieser Präzision entstand einige Jahrzehnte später im Rahmen des internationalen Projekts Carte du Ciel. Für dieses ambitionierte Vorhaben, den Himmel fotografisch zu kartieren, erhielt die Sternwarte 1890 einen speziell konzipierten Doppelrefraktor mit 13 Zoll Öffnung. Auf Glasplatten wurden systematisch Himmelsfelder belichtet – der Helsinkier Abschnitt umfasste rund 159.000 Sterne.

Diese Zahl ist keine historische Fußnote. Die Platten wurden so sorgfältig archiviert, dass sie noch mehr als ein Jahrhundert später herangezogen werden konnten, um moderne Weltraummissionen zu kalibrieren. Als die ESA mit dem Gaia-Satelliten hochpräzise Sternpositionen bestimmte, dienten die alten Glasplatten aus Helsinki als Referenzrahmen für langfristige Eigenbewegungen. Ein Bogen von 19.-Jahrhundert-Optik zu 21.-Jahrhundert-Raumfahrt – ohne Pathos, nur durch Messgenauigkeit.

Bemerkenswert ist dabei auch ein gesellschaftlicher Aspekt: Beim Carte du Ciel-Projekt wurden in Helsinki erstmals im großen Stil Frauen für astronomische Berechnungen eingesetzt. Sie analysierten und reduzierten die Daten der fotografischen Platten – eine Tätigkeit, die höchste Genauigkeit verlangte und lange im Schatten der offiziellen Direktoren blieb. In einer Disziplin, die damals nahezu ausschließlich männlich dominiert war, markierte das einen strukturellen Schritt.

Ein weiterer Meilenstein gelang 1912 dem Mathematiker Karl Sundman, der in Helsinki eine allgemeine Lösung des Dreikörperproblems formulierte. Dieses Problem – die Bewegung dreier gravitativer Körper zueinander zu beschreiben – hatte zuvor Größen wie Henri Poincaré beschäftigt. Sundmans Lösung erfolgte in Form einer konvergenten Reihenentwicklung. Sie ist mathematisch korrekt, in der Praxis jedoch nur eingeschränkt nutzbar, da die Konvergenz extrem langsam ist. Das berühmte „Drei-Körper-Problem“ der Science-Fiction-Trilogie von Cixin Liu bezieht sich auf dasselbe physikalische Grundproblem, nutzt es jedoch literarisch als dramaturgisches Motiv. Die wissenschaftliche Lösung Sundmans und die erzählerische Verarbeitung bei Liu teilen also die mathematische Ausgangsfrage – nicht aber deren praktische Konsequenzen.

Während der Bombardierungen Helsinkis 1944 blieb das Observatorium weitgehend verschont. Doch mit dem Wachstum der Stadt nahm die Lichtverschmutzung zu, größere Instrumente und dunklere Standorte wurden notwendig. Forschung verlagerte sich nach Tuorla, später nach Metsähovi und in internationale Observatorien – bis hin zu Weltraumteleskopen. 2009 zog die Astronomieabteilung schließlich vollständig um; 2012 wurde das renovierte Gebäude als öffentlich zugängliches Wissenschaftszentrum neu eröffnet.

Der nächtliche Spaziergang über den Hügel endet heute nicht mit einem Blick durch ein Teleskop, sondern mit einem Blick zurück. Die Terrassen, die Svante Olsson im 19. Jahrhundert nach deutschem Parkmodell anlegen ließ, öffnen den Raum zum Meer. Zwischen den Bäumen steht das klassizistische Gebäude wie ein stiller Beobachter.

Man könnte versucht sein, hier romantisch zu werden. Doch das Observatorium war nie ein Ort der Romantik. Es war ein Ort der Vermessung – von Sternen, von Zeit, von Bewegung. Und vielleicht liegt genau darin seine Größe: In 159.000 sorgfältig erfassten Lichtpunkten, die ein Jahrhundert später noch immer als Referenz dienen.

Author
Maud van Dijk
Senior Writer
February 16, 2026

The Lord Of The Rocks

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