Milliardenprojekt unter Beobachtung: Ulaanbaatar will größere Beteiligung an Oyu Tolgoi
Die mongolische Regierung drängt auf eine Neuverhandlung der wirtschaftlichen Bedingungen für die riesige Oyu-Tolgoi-Kupfermine, an der sie gemeinsam mit Rio Tinto beteiligt ist. Ulaanbaatar fordert frühere Dividendenausschüttungen und einen größeren Anteil an den Erlösen des Projekts. Die Diskussion unterstreicht die wachsende Bedeutung strategischer Metalle wie Kupfer für die Energiewende und zeigt zugleich, wie rohstoffreiche Staaten ihre Rolle in globalen Bergbauprojekten neu definieren.
Der globale Kupfermarkt steht unter zunehmendem strategischem Druck – und kaum ein Projekt verdeutlicht diese Dynamik so deutlich wie Oyu Tolgoi in der mongolischen Wüste Gobi. Die gigantische Lagerstätte zählt zu den bedeutendsten neuen Kupferquellen des 21. Jahrhunderts. Doch während der unterirdische Ausbau der Mine voranschreitet und die Produktion stark wächst, rücken die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Projekts erneut in den Mittelpunkt.
Die mongolische Regierung hat nun Gespräche mit dem Bergbaukonzern Rio Tinto über die kommerziellen Bedingungen des Projekts wieder aufgenommen. Ulaanbaatar fordert nach Medienberichten eine größere Beteiligung an den wirtschaftlichen Erträgen der Mine sowie eine frühere Auszahlung von Gewinnen. Konkret geht es um eine Anpassung der bestehenden Vereinbarung, die nach Ansicht der Regierung nicht ausreichend widerspiegelt, welche Bedeutung Oyu Tolgoi für die nationale Wirtschaft hat.

Die Mine, an der der mongolische Staat über Erdenes Mongol LLC. rund 34 Prozent hält, gilt als das mit Abstand wichtigste Industrieprojekt des Landes. Gleichzeitig ist sie ein zentraler Bestandteil der langfristigen Wachstumsstrategie von Rio Tinto im Kupfersektor. Angesichts der steigenden Nachfrage nach dem Metall – getrieben durch Elektrifizierung, Energienetze, Elektromobilität und erneuerbare Technologien – gewinnt das Projekt auch global an Bedeutung.
Nach Angaben aus Regierungskreisen strebt die Mongolei an, ihren Anteil an den wirtschaftlichen Rückflüssen langfristig auf etwa 60 Prozent zu erhöhen. Zudem sollen Dividenden früher als bisher geplant fließen. Der Hintergrund liegt in der ursprünglichen Finanzstruktur des Projekts: Die mongolische Beteiligung wurde weitgehend über Kredite finanziert, die zunächst zurückgezahlt werden müssen. Solange diese Darlehen bestehen, sind Dividendenausschüttungen für den Staat begrenzt oder verzögert.
Die Kostenentwicklung der vergangenen Jahre hat diese Situation zusätzlich verschärft. Der Ausbau der unterirdischen Mine – ein technisch komplexes Vorhaben, das Oyu Tolgoi erst zu seiner vollen Produktionskapazität führen soll – erwies sich als deutlich teurer als ursprünglich kalkuliert. Infolgedessen könnten reguläre Dividendenauszahlungen nach bisherigem Modell erst im kommenden Jahrzehnt erfolgen.

Für die mongolische Regierung steht dabei die langfristige wirtschaftliche Beteiligung des Landes im Mittelpunkt. Oyu Tolgoi gilt als Schlüsselprojekt für die industrielle Entwicklung und für staatliche Einnahmen aus dem Rohstoffsektor. Der Staat betrachtet Oyu Tolgoi nicht nur als Bergbauprojekt, sondern als Schlüssel für langfristige wirtschaftliche Entwicklung, Infrastrukturinvestitionen und Haushaltsstabilität. Entsprechend wächst der Druck auf die Regierung, den Anteil des Landes an den Erlösen neu zu verhandeln.
Rio Tinto reagiert offiziell zurückhaltend, betont jedoch die Bedeutung einer konstruktiven Partnerschaft. In einer Stellungnahme erklärte der Konzern, die Gespräche spiegelten das gemeinsame Ziel wider, „das volle Potenzial von Oyu Tolgoi zum Nutzen aller Partner zu erschließen“. Tatsächlich ist die Kooperation zwischen dem internationalen Bergbauunternehmen und der mongolischen Regierung seit Jahren von Phasen enger Zusammenarbeit und erneuten Spannungen geprägt.
Bereits 2022 hatte Rio Tinto Schulden in Höhe von rund 2,4 Milliarden US-Dollar erlassen, die mit der Finanzierung der mongolischen Beteiligung verbunden waren. Dieser Schritt wurde damals als grundlegender Neustart der Partnerschaft präsentiert und ebnete den Weg für den Beginn der unterirdischen Produktionsphase.
Doch die Beziehungen bleiben komplex. Parallel zu den aktuellen Verhandlungen führt die mongolische Regierung eine juristische Auseinandersetzung mit dem Unternehmen. Dabei geht es um angebliche Steuernachzahlungen von rund 450 Millionen US-Dollar, die sich aus unterschiedlichen Bewertungsmethoden bei Abschreibungen in den Steuerjahren 2021 und 2022 ergeben sollen. Der Fall befindet sich inzwischen in gerichtlicher Prüfung.

Zusätzlichen politischen Druck erzeugt der innenpolitische Kontext. In der Mongolei stehen im kommenden Jahr wichtige Wahlen an, während gleichzeitig die Preise für Kupfer und Gold nahe historischen Höchstständen liegen. In einer solchen Situation wächst die Erwartung der Bevölkerung, dass der Staat stärker von seinen natürlichen Ressourcen profitiert.
Unabhängig von diesen Spannungen bleibt die industrielle Perspektive des Projekts beeindruckend. Oyu Tolgoi nahm 2011 zunächst als Tagebaumine den Betrieb auf. Der derzeit laufende Ausbau des unterirdischen Abbaus gilt als entscheidender Schritt, um das volle Potenzial der Lagerstätte zu erschließen. Sobald die unterirdische Förderung vollständig hochgefahren ist, könnte Oyu Tolgoi laut Unternehmensprognosen bis 2030 zur viertgrößten Kupfermine der Welt aufsteigen.
Die Produktionsentwicklung zeigt bereits heute die Dynamik des Projekts. Im vergangenen Jahr stieg die Kupferproduktion um mehr als 60 Prozent, während der Ausbau der unterirdischen Infrastruktur weiter voranschritt. Für den globalen Markt bedeutet dies langfristig zusätzliche Mengen eines Metalls, das als unverzichtbar für Elektrifizierung und Energiewende gilt.
Gerade deshalb beobachten Rohstoffanalysten die politischen Verhandlungen aufmerksam. Projekte dieser Größenordnung sind längst nicht mehr nur industrielle Unternehmungen, sondern auch geopolitische Faktoren. Die Frage, wie Einnahmen zwischen internationalen Investoren und rohstoffreichen Staaten verteilt werden, wird zunehmend zu einem zentralen Thema im globalen Bergbau.
Im Fall von Oyu Tolgoi entscheidet sich somit nicht nur die Zukunft einer der größten Kupferminen der Welt. Die laufenden Gespräche sind zugleich ein Beispiel dafür, wie rohstoffreiche Länder versuchen, ihren Anteil am Wert strategischer Mineralien neu zu definieren – in einer Zeit, in der Metalle wie Kupfer zu Schlüsselressourcen der globalen Energie- und Technologiepolitik geworden sind.

Sämtliche im Beitrag verwendeten Abbildungen stammen von Rio Tinto. © Rio Tinto

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