🛰️ Funkspruch von Dr. G.E.O. – Aufsetzen in der Kakirit-Zone
Eine beinahe missglückte Landung auf einem aus Kakirit bestehenden Asteroiden bringt Dr. G.E.O. an die Grenze physikalischer Stabilität. Was Tunnelbauer im Gotthard fürchten, wird im All zum strukturellen Risiko. Ein Bericht über tektonisch zerriebenes Gestein, Mikrogravitation – und kühle Nerven im Trümmerfeld.
Zentrale, diesmal war es knapp.
Ich bin auf Asteroid K-17 gelandet. Auf den ersten Blick ein unscheinbarer Brocken aus dem inneren Gürtel. Spektral unauffällig, kaum Metallanteil, keine exotischen Signaturen. Routine. Dachte ich.
Beim Abstieg zeigte das Gravimeter minimale Anomalien. Keine klaren Felsstrukturen, keine kohärenten Massenzentren. Stattdessen diffuse Streuung – als hätte jemand einen Gebirgsstock in einen Mixer gesteckt. Das war der Moment, in dem ich hätte misstrauisch werden sollen.
Die Landebeine setzten auf – und sanken ein.
Nicht dramatisch. Nicht sofort. Sondern langsam. Wie in nassem Zement, der beschlossen hat, sich nicht festlegen zu wollen.
Kakirit.
Auf der Erde ist dieses Material der Albtraum von Tunnelbauern. Tektonisch zerriebenes Gestein, in Störungszonen zu Mehl, Schutt und Fragmenten zermahlen. Kein kompakter Fels, keine tragende Struktur. Eine chaotische Mischung aus kantigen Bruchstücken und feinster Matrix, deren innere Reibung gerade hoch genug ist, um dich glauben zu lassen, sie halte – bis sie es nicht mehr tut.
Beim Bau des Gotthard-Basistunnels hat genau solches Material Maschinen ausgebremst. Nicht, weil es hart ist. Sondern weil es sich unter Spannung entzieht, nachgibt, nachfließt. Tunnel werden instabil, Bohrköpfe blockieren, Sicherungskonzepte geraten ins Schwimmen. Kakirit ist kein Widerstand. Es ist ein Verrat.
Hier draußen kommt noch etwas hinzu: Mikrogravitation. Keine nennenswerte Konfinierung. Keine seitlichen Spannungen, die das Material zusammenhalten. Jeder Impuls verteilt sich wie in einem Sack aus trockenem Geröll. Meine Triebwerkskorrektur beim Aufsetzen reichte aus, um unter mir eine kleine Massenumlagerung auszulösen. Der Untergrund begann zu „arbeiten“. Ein hübsches Wort für: Er wollte mich verschlucken.
Ich habe die Hauptdüsen sofort abgeschaltet. Jeder weitere Schub hätte das Gefüge weiter aufgelockert. Stattdessen minimaler Gegenschub über seitliche Mikrothruster, um die Last zu verteilen. Langsame Rotation, um die Kontaktfläche zu vergrößern. Keine heroischen Manöver. Nur Physik.
Es ist faszinierend: Kakirit entsteht durch extreme tektonische Beanspruchung. In Störungszonen werden Gesteine zerbrochen, verschert, pulverisiert. Was bleibt, ist ein mechanisch geschwächtes, aber energetisch hoch interessantes Material. Es speichert die Geschichte von Bruchprozessen, von Spannungsfeldern, von tektonischer Gewalt. Auf einem Asteroiden deutet das auf eine massive Kollision hin. Dieser Brocken war einmal Teil eines größeren Körpers. Dann kam der Einschlag. Und zurück blieb ein Trümmerhaufen mit Erinnerung.
Ich stand also auf einem Archiv aus Zerstörung.
Und beinahe wäre ich Teil davon geworden.
Die Neigung nahm zu, ein paar Grad nur, aber im All genügen ein paar Grad. Ich habe die Landebeine nicht weiter ausgefahren. Das wäre ein klassischer Fehler gewesen – mehr Druck erzeugt hier keine Stabilität, sondern mehr Versagen. Stattdessen reduzierte ich die Kontaktkräfte, hob die Maschine um wenige Zentimeter an und verlagerte das Gewicht auf drei Punkte mit höherer Partikeldichte, die ich per Nahbereichsradar identifiziert hatte. In Kakirit sucht man nicht nach Festigkeit. Man sucht nach dem am wenigsten schlechten Bereich.
Es hat funktioniert.
Ich stehe jetzt auf einem Material, das kein Fels ist und kein Boden, sondern ein geologisches Zwischenstadium. Eine Erinnerung daran, dass Stabilität eine Illusion sein kann. Für Tunnelbauer ist es ein Kostenfaktor. Für Planetengeologen ein Hinweis auf tektonische oder kollisionsbedingte Geschichte. Für mich war es heute eine Lektion in Demut.
Humor hilft. Wenn man in einem Trümmerfeld steht, das dich theoretisch jederzeit einsacken lassen könnte, dann sollte man zumindest geistig stabil bleiben. Ich habe laut gesagt: „Nicht heute.“ Das All hat nicht widersprochen.
Ich nehme Proben. Die Korngrößenverteilung ist breit, die Matrix feinkörnig, kaum Zementation. Ein wunderbares Beispiel für mechanische Schwächung durch Scherung. Auf der Erde würde man hier sofort über Injektionsmaßnahmen und Sicherungskonzepte diskutieren. Ich begnüge mich mit sauberer Dokumentation und der Gewissheit, dass Präzision mehr rettet als Muskelspiel.
Falls sich jemand fragt: Ja, das war riskant. Aber wer verstehen will, wie Planetesimale zerfallen und wie strukturelle Schwächung in kleinen Himmelskörpern funktioniert, muss genau dort stehen, wo es instabil wird.
Ich justiere jetzt die Position, sichere die Proben und verlasse diesen bröseligen Geschichtenspeicher wieder. Kakirit ist nichts Schönes. Aber er erzählt von Kräften, die Welten formen – und zerbrechen.
Kakirit 0. Ich 1.
Die Statistik bleibt vorerst auf meiner Seite.
Dr. G.E.O., Hypatia I – signing off.

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The Lord Of The Rocks
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